Täglich aktuelle Nachrichten aus AKK, Mainz und Wiesbaden

Akk Zeitung

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Geschäftsanzeigen und Empfehlungen aus der Region
AKK Zeitung
E-Mail PDF

Wenn Kant bei der Wohnbau wäre...

Begeistertes Publikum beim Satireabend "Kant hätte geweint" in Essenheim

Ein vollbesetztes Kunstforum in Essenheim, erwartungsfrohe Besucher und ein fast 90-minütiges Feuerwerk an Satire, Witz und Nachdenklichkeiten - das war der Kleinkunst- und Satireabend "Kant hätte geweint" am 11. Februar in Essenheim.

Ob beim Thema Plagiate, der aktuellen Lage des ADAC, bei der Frage, wofür wir Deutsche in der Welt eigentlich noch geschätzt werden - der ortsanssässige Autor, Kolumnist und Speaker Klaus-Ulrich Moeller führte sein Publikum durch eine Welt voller Doppelbödigkeiten, voller Widersprüche und Reflektionen über das eigene Verhalten.

Etwa wenn er am kleinen schwarzen "Baby-Klavier" demonstriert, wie frühkindliche Erziehung heute aussehen kann, noch bevor die Nabelschnur gekappt ist; oder wenn er Altbundeskanzler Helmut Schmidt simuliert, der über die Frage nachdenkt, warum uns die Chinesen noch nicht längst angegriffen haben - um nach quälend langer Pause zu antworten:

"Das kann ich Ihnen auch nicht sagen". Souverän und authentisch auftreten, auch wenn man mal nix weiß - das ist die vergiftete Empfehlung, die Moeller dem Publikum mit auf den Weg gibt.
Meist im freien kabarettistischen Vortrag, mit Worten kunstvoll spielend, sich in der Person des verstorbenen Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki selbst lobend - seine Zuhörer lässt er nicht eine Sekunde durchatmen, bis auf eine einzige Szene, als er in seinen schwarzen Sessel sinkt, sein Butterbrot auspackt und das Publikum, das eine Pause erwartet, zurück auf die Stühle beordert:

"Es läuft nur ein commercial", um sich dann über Werbung im Fernsehen auszulassen. Einen "mentalen Sado-Maso-Abend" nennt der Künstler sein Kabarett, weil das Publikum nach Satireabenden nur dann zufrieden nach Hause gehe, wenn es so richtig beschimpft worden sei.

Wunderschöner Szenenapplaus, wenn Moeller die Leseschwäche der Deutschen karikiert und beschreibt, wie seine Begleitung auf den "Bachelor Mainz" hofft, wo doch bei näherem Hinsehen auf dem Plakat nur "Bachchor Mainz" steht.

Dass daraus neue bissige Gedanken über die Frage entstehen, wie der Bachchor die Rolle des Bachelors zu aus seinen eigenen Reihen besetzen gedenkt, ist typisch für dieses Programm, in dessen Verlauf stets neue verquere Gedanken entstehen, die weit mehr sind als nur schnelle Gags.

Es ist anspruchsvolle, fordernde Unterhaltung, die glänzend die Balance behält, um auch schwierige Sachverhalte ironisch-leicht und unterhaltsam zu präsentieren - ohne Zeigefinger, ohne böse Belehrung. Das Publikum darf sich 90 Minuten unterhalten fühlen mit einem Humor, der sich stets oberhalb der Gürtellinie, man möchte sagen immer auf Kopf-, meist auf Höhe des Gehirns bewegt.

Lokalkolorit darf in so einem Programm nicht fehlen und wenn Moeller Kants kategorischen Imperativ zu erklären versucht, der den Menschen als aufgeklärtes Wesen beschreibt, das sich stets vorbildlich verhalten sollte, muss Kant nur geschwind in die Rolle des Vorstands der Mainzer Wohnbau schlüpfen, um die Absurdität einer solchen Hoffnung deutlich zu machen.

Bei der Wohnbau würde der Kategorische Imperativ dann eben heißen: "Vermiete Wohnungen nur so, dass du selber unter diesen Bedingungen einziehen würdest". Das Publikum johlt - genauso wie bei Kants Rolle als Stadionsprecher von Mainz 05 und dem entsprechend umgedichteten Grundsatz:

"Spiele immer so, wie du glaubst, dass alle anderen auch spielen sollten". Das sei dann der Tuchelsche Imperativ in der Mainzer Philosophiegeschichte, meint der Künstler. Warum der Abend und das entsprechende Buch des Autors mit 33 satirischen Kolumnen "Kant hätte geweint" heisst, erschliesst sich dem Publikum nach solchen Beispielen, ohne dass es irgendeiner Erklärung bedarf.

Ein höchst unterhaltsamer und gelungener Abend, der auf Einladung der Essenheimer Gemeinebücherei zu ihrem 25jährigen Jubiläum zustandekam. Dem Künstler ist eine kleine, aber feine Fan-Gemeinde bereits sicher. Man kann nur hoffen, dass sich der Satireabend "Kant hätte geweint" in der Kleinkunst- und Kabarett-Szene der Region seinen festen Platz verschaffen kann.

(Bärbel Knabe)
 
Regionale Werbung

Gerade aus dem Ticker

Neueste Nachrichten