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Wiedergeburt der Kasteler und Kostheimer Fassenacht
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Wiedergeburt der Kasteler und Kostheimer Fassenacht

Als gegen März 1945 die Amerikaner das rechte Rheinufer besetzten, hatten sie den Rhein zur Grenze des linken und rechten Rheinufers bestimmt und bewirkten dadurch die Teilung von Mainz.

Die Mainzer Kernstadt lag in der französischen Zone, die rechte Rheinseite, Amöneburg, Kastel und Kostheim in der amerikanischen Zone und wurde Wiesbaden zur Verwaltung übergeben.

Bereits in den Kriegsjahren waren die Vereinstätigkeiten stark, teilweise sogar ganz eingestellt. Das Naziregime hatte dem KMV in Kastel jede karnevalistische Tätigkeit untersagt.  Als im September 1944 die Bomben auf Kastel niedergingen, wurde der Gardefundus der Jocus- Garde und der Veranstaltungssaal des KMV Raub der Flammen.
Durch die harten Entbehrungen des Krieges verspürte die Bevölkerung sowieso keine Lust zum Feiern. Nachdem die Amerikaner auf der rechten Rheinseite einmarschiert waren, war zwar der Krieg zu Ende, aber die Entbehrungen waren riesengroß.

Viele Kasteler Väter waren im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft. Alte, Mütter und Kinder hatten ein schweres Los.  Nahrung für den täglichen Bedarf war nur sehr spärlich vorhanden, oder sogar überhaupt nicht. Wohnraum war knapp. Provisorisch wurden Wohnungen erstellt. Man brauchte ja ein Dach über dem Kopf.

Auf den Straßen lag der Trümmerschutt. Die Helden dieser Zeit waren die Frauen. Sie besorgten Lebensmittel, räumten Schutt von den Straßen, klopften an Backsteinen den Mörtel ab, damit diese wiederverwendet werden konnten. Da blieb keine Zeit für Feierlichkeiten.

Von der Militärregierung war jede Vereinstätigkeit ausdrücklich verboten. Erst im Dezember 1945 wurde das Vereinsrecht wiederhergestellt, verbunden aber mit einer Fülle von Auflagen. Aber zum Gemeindeleben gehört auch das bodenständige Brauchtumsrecht der „Meenzer Fassenacht“. Daraus schöpfte der Mensch immer wieder neuen Mut und Kraft, was in dieser Zeit sehr notwendig war.

Der KMV (katholische Männerverein) wurde bereits 1866 gegründet und 1909 kam dann die Unterabteilung Fastnacht hinzu.  1945 formierte sich der Verein wieder. Hans Bertram war der starke Motor. Bereits 1948 war es möglich, den Grundstein für das Vereinshaus „Zum Frohsinn“ zu legen für ein wiederbeginnendes Vereinsleben.

Claus Toni Bertram trat nach dem frühen Tod seines Vaters erfolgreich in dessen Fußstapfen.  Der fastnachtliche Männerverein gründete sich auf zwei Säulen, die den Verein tragen: Zu einem der Stammverein mit seiner sozialen Ausprägung und zum anderen die Unterabteilung Fastnacht.

1859 wurde in Kastel ein Karnevalsverein im Gasthaus „Zum Anker“ gegründet, der aber nur eine kurze Lebensdauer hatte.
1889, ebenfalls im Gasthaus „Zum Anker“ wurde die Idee einer Garde auf der rechten Rheinseite verwirklicht. Es war der Sparverein Handfett, aus dem später die Kasteler Jocus Garde hervorging.

Zwei Jahre nach Kriegsende trafen sich 1947 die Gardisten beim Gastwirt Roßmann in der „Backstub“ des Bäckermeisters Jean Hellrich. Man formulierte einen Antrag für die amerikanische Militärregierung, bei dem der Bäckermeister Hellrich sagte; „schreibt ja nit „Jocus-Garde“, schreibt „Jocus-Verein“, sonst sieht das bei den „Amis“ wieder nach „Widerstand“ aus. Dem Antrag wurde durch die Militärregierung zugestimmt.

Es waren entbehrungsreiche Jahre. Kastel war zu 90% zerstört. An den Straßenrändern türmten sich noch die Schuttberge. Wohnraum fehlte und viele Kasteler lebten in provisorisch hergerichteten Wohnungen so auch in Kellerräumen. Es fehlte an allem. Vor allem an Essen. Aber man steckte den Kopf nicht in den Sand. Ein starker Wille trieb die Leute an. Man wollte neben den trüben Stunden auch wieder fröhlich sein.

Das war auch die Idee einiger junger Männer im Alter zwischen 17 und 22 Jahren in Kastel. An der Spitze Karl Hermann Schmitt, Rolf Braun, Fritz Diehl, Hans Ackermann, Fritz Lutz, Toni Schauer und Hans Braun, der Vater von Rolf Braun. Man traf sich und besprach den Antrag, der an die amerikanische Besatzungsmacht gestellt werden sollte.

Bei der Suche nach einem Namen für den Verein, fiel der Blick auf eine Karte des Atlanta-Verlags, die an der Wand hing. Mangels weiterer Ideen beschloß man den Namen: “Atlanta-Club“ zu wählen und reichte das auch so ein. Die Amerikaner waren erfreut, daß ein Verein den Namen einer amerikanischen Stadt tragen sollte und so wurde freudig die Genehmigung erteilt. Das Gründungsprotokoll trägt das Datum 1. März 1947.

Der Verein sah seine Aufgabe in Jahrgangstreffen und sozialen Treffen. Es wurde „Kasperletheater“ gespielt, um den Kindern aus Kastel auch etwas zu bieten. Aber auch für die Vereinskasse blieben ein paar Pfennige hängen, die für den weiteren Ausbau der Räumlichkeiten benötigt wurden.

Es wurden Tanzveranstaltungen und Unterhaltungsabende organisiert. Hinzu kamen aber immer mehr karnevalistische Veranstaltungen und so beschloß man 1952 die Umwandlung von „Atlanta-Club“ in „Karneval-Club-Kastel“, kurz KCK.
Es ging steil nach oben.

In der Schulturnhalle der damaligen Volksschule blieb kein Platz frei. Der absolute Renner waren dann die Nachthemdensitzungen. Eine reine Herrensitzung. Vom ganzen Umkreis kamen die Besucher. Neben dem Eintrittspreis wurden die Sitzungsbesucher aufgefordert, ihre Gläser selbst mitzubringen.

Für die Öfen, damit die Kälte nicht zu sehr zusetzte, sollte jeder noch zwei bis fünf Kohle-Briketts mitbringen, was dann wiederum sich im Eintrittspreis niederschlug.

In der Nachkriegszeit waren bekanntlich die „Kasseler“ noch „Mainz-Kasteler“, durch den ungünstigen Verlauf der Besatzungsgrenzen, von ihrem Mainz getrennt. Die in der amerikanischen Zone liegenden ehemaligen Mainzer Vororte Kastel, Kostheim, Amöneburg, Gustavsburg, Bischofsheim und Ginsheim hatten 1950 erstmals ihre Karnevalisten nach Mainz geschickt.

Unter der Regie des Präsidenten Toni Vogt -Kostheimer Carneval-Verein (KCV) trat die „Goldene 6“ in einer Gemeinschaftssitzung im kurfürstlichen Schloß an. Dadurch sollte die Verbindung zu Mainz dokumentiert werden.

Unvergessen auch die Karnevalgesellschaft “Die Bettschoner“. Gegründet 1914, in den Kriegsjahren war die Tätigkeit ebenfalls untersagt. Es dauerte aber lange bis sie 1980 eine Wiedergeburt mit ihrer ausgezeichneten „Wertschaftsfassenacht“ erlebte. 

Josef Grebner, alias „Schnackel“ verstand mit seiner „Deiwelsgeich“ Verse übers „Schrotteln“ und die schlimmen Nachkriegsjahre, gesanglich verpackt in Versform, den Wertschaftsbesuchern näherzubringen und zum Mitsingen aufzufordern. Seine Tochter „Klär“ mit ihrem Akkordeon zählte ebenfalls zu dem „Aushängeschild der „Bettschoner“.

1950 wurde ein alter Brauch durch die bunte Schar mit Jocus-Gardisten wiederbelebt. Man zog durch die damals 36 Kasteler Gaststätten, vom Anker bis zum Wagner, die aus Ruinen wiederaufgebaut waren, und belebte das „Schnorren“. Gesanglich in Versform wurden die „Sünden“ des jeweiligen Opfers den Gaststättenbesuchern vorgetragen.

Manches Kasteler Ortsbeiratsmitglied, wurde so durch den Kakao gezogen. Großes Gelächter und Applaus. Der eine oder andere Pfennig landete in der Spendenbüchse der Schnorrer.

Ab 1948/949 fanden wieder Maskenbälle statt. Man ging maskiert, Männer und Frauen getrennt, zu den Bällen, die in der alten Schulturnhalle in Kastel, im Kaiserhof, aber auch in Kostheim in der Gaststätte zum Engel, Frankfurter Hof, Rheingauer Hof und vielen weiteren Gaststätten stattfanden.

Man war maskiert und versuchte seine wahre Identität bis um Mitternacht zu verbergen. Bei der Demaskierung erfolgte dann oft die große Überraschung. Über die einzelnen Geschichten, die daraus entstanden zu berichten würde bedeuten, den einen oder anderen Streit zwischen Eheleuten zu veröffentlichen. Schöne Masken, zum Teil auch sehr kostbare Masken, an denen das ganze Jahr entworfen und getüftelt wurde, füllten den Saal.

Amöneburg, Kastel und Kostheim waren schon immer von der Mainzer Lebensart geprägt. Auch seit der (offiziellen) Zugehörigkeit zu Wiesbaden hat sich an diesem besonderen Lebensgefühl nicht viel geändert. Bei den Sitzungen der rechtsrheinischen Vereine hatten diese bereits seit Anfang der 50er Jahre oft nur Spott übrig.

1948 konnte der Kostheimer Carneval-Verein (KCV) sein 25- jähriges Jubiläum mit 23 Gründern mit einer großen Prunksitzung im Casino St. Marienhof feiern. Bezahlt wurde mit Kohlebriketts. Das fastnachtliche Treiben fand in den Nachkriegsjahren seinen Höhepunkt am Fastnachts Samstag mit dem ersten Nachkriegsumzug (Rekrutenumzug).

Nach der obligatorischen Schlüßelübergabe wurde in einem Triumphzug der Rekruten durch die Gassen der Feste „Cuffingstein“ (alter Name aus der Zeit Karls der Große) in den überfüllten Gasthäusern ausgiebig gefeiert. Man hatte Nachholbedarf nach dem Krieg und der folgenden entbehrungsvollen Zeit.

1951 hatte der KCV eine große Sitzung des Verbandes der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner der Ortsgruppe Kostheim in der ausgeschmückten Narrhalla des Frankfurter Hofes arrangiert. Großen Anteil an den Sitzungen nach dem Krieg hatten auch die Kostheimer Gesangvereine. So der Männergesangsverein 1844, Gesangsverein Harmonie 1854. Umjubelt bei den Sitzungen auch das Stimmbändchen mit nur Kostheimer „Meedcher“. Der Gesangverein Liederkranz 1890 e.V. der bis in das Jahr 1960 existierte.

Tolle karnevalistische Sitzungen präsentierte auch der Gesangsverein „Liedertafel 1900“. 1949 im Saal des Frankfurter Hofes nach 18- jähriger Pause mit dem Motto: „Der Prinz des Frohsinns und Frau Musica laden zum närrischen Fest“. Auch in der katholischen Pfarrgemeinde „St. Kilian“ und „Maria Hilf“ wurden wieder Sitzungen geboten.

Dieser Rückblick läßt erkennen, daß trotz der großen Entbehrungen nach dem Krieg sich die Menschen in Kastel und Kostheim wieder nach fröhlichen Zeiten sehnten. Der Gemeinschaftsgeist und der Aufbauwillen in den bitteren Nachkriegsjahren ließen den zu oft erlittenen Schmerz vergessen. Die Fastnacht ist aus Trümmern wieder auferstanden.

(Klaus Lehne  Herbert Fostel)

 
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