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Kasteler Fassenacht im Wandel der Zeiten
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Kasteler Fassenacht im Wandel der Zeiten

Zum Lachen nie den Mut verloren
Die Ursprünge des vierfarbbunten Spiels, der Fasse, in der Brückenkopfgemeinde Kastel gehen auf den Anfang des 17. Jahrhunderts zurück. Es ist überliefert, daß am rechten Rheinufer in Kastel mit dem Mummenschanz und den Auftritten der Schwertdanzers mit Rasselern begonnen wurde.

Man zog vermummt zum wohl ältesten ehemaligen Gasthaus „Zur Traube“ (heute nur noch Parkplatz an der Kasteler Brückenauffahrt nahe Mainzer Straße/Ecke Kronenstraße). Es herrschte ausgelassene Fröhlichkeit.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es die erhöhten Gebühren „der Großherzoglichen Ortsgerichte“, die gegeißelt wurden. Zehn Albus oder Weissfennige gab es jeweils für die Gruppen aus der „Gemeintkasse“, zum vertrinken, wie es hieß.

Auch eigenwillige, meist handgeschnitzte Köpfe, die damals schon Persönlichkeiten darstellten, wurden auf Stöcke gesetzt, mit kleinen Schellen behangen und beim Auftritt mitgeführt.

Man darf diese Gruppen als Vorläufer der sich bis in die Gegenwart in Kastel erhaltene Schnorrergruppen bezeichnen, die an Fastnachtdienstag ihren „großen Auftritt“ haben.

In den 30er Jahren wurde von „Großmutter Schnorrer“ und sonstigen maskierten immerhin 36 Gasthäuser, vom Anker bis zum Wagner, heimgesucht. Bereits 1950 wurde dieser alte Brauch wiederbelebt.

Nachdem die Kirche mit ihren besonderen Machteinfluss, aber auch des kurfürstlichen Hofes, der Fastnacht einen geordneten Rahmen gaben unter dem Oberbegriff „Allen wohl und niemand weh“ war es die bürgerliche Gesellschaft, die fortan das närrische Geschehen immer mehr reglementierte.

Man schrieb das Jahr 1889, als die Idee zur Gründung einer Garde auf der rechten Rheinseite verwirklicht wurde. Es war der „Sparverein Handfett“, der als Vorläufer im Gasthaus „Frankfurter Hof“ in Kastel die Garde aus der Taufe hob. Zum Schutzpatron wurde der römische Gott der Freude, „Jocus“ erkoren.

Der katholische Männerverein (KMV) wurde bereits 1866 gegründet. Ab 1938 wurde dem „Casino zum Frohsinn (KMV)“ durch das Hitler-Regime jede Vereinstätigkeit untersagt. Die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges traf die Jocus-Garde wie das Casino zum Frohsinn (KMV) verheerend.

Der Gardefundus in der Reduit wurde ebenfalls Raub der Flammen wie Häuser des Katholischen Männervereins. Der Bombenhagel vernichtete alle. Kastel war zu 90% zerstört. An den Straßenrändern türmten sich noch die Schuttberge. Viele Kasteler lebten in provisorisch hergerichteten Wohnungen.

Die kurz anhaltenden oder auch auf Abstellgleisen stehende Güterzüge waren für die frierende Bevölkerung geradezu eine Herausforderung, sich wenigstens vorübergehend einmal eine warme Stube zu machen. Mit Eimern und Säcken wurden viele zum „Selbstversorger“.

1945 formierte sich der KMV unter dem unermüdlichen Präsidenten Hans Bertram. Bereits 1948 war es möglich, den Grundstein für das Vereinshaus „Zum Frohsinn“ zu legen. Claus-Toni Bertram trat nach dem frühen Tod seines Vaters erfolgreich in dessen Fußstapfen. Der KMV formierte sich auf zwei Säulen, die den Verein tragen.

Zum einen der Stammverein mit seiner sozialen Ausprägung und der 1999 gegründeten Unterabteilung Fastnacht. In den 30er Jahren gab es auch die Rekrutenvereidigung am Fastnachtssamstag der zugleich auch für die „Moritatensänger“ der große Auftritt war.

Man zog von Gaststätte zu Gaststätte, wo die sonst nur hinter vorgehaltener Hand erzählten „Ereignisse“ in Gesang und Bild „öffentlich“ gemacht wurden. Unvergessen dazu Josef Grebner alias „Schnackel“ mit „Koks“ und „Deiwelsgeisch“. Seine gesanglich vorgetragene Verse waren übers „Schrotteln“ bis zum „Schwarzschlachten“ durch die schlimmen Nachkriegsjahre geprägt.

Die Wiedergeburt der Jocus-Garde fand in der vom Krieg verschont gebliebenen Backstubb des Bäckermeisters Jean Hellrich 1947 statt. Zum Auftakt „Wohltun durch Humor“ waren die ersten Worte im Protokollbuch der Garde.

Auf den Ruinen des zerstörten Kastel gab es eine zweite gesellschaftliche Entwicklung durch eine Jahrgangsgemeinschaft. Daraus entpuppte sich 1947 der Atlanta-Club-Kastel (ACK) , dem auch Rolf Braun, Fritz Diehl und Hans Ackermann angehörten. Das Pflänzchen ACK wuchs 1952 zum Karneval-Club-Kastel (KCK) zu einem stattlichen Gewächs.

Die einzigartigen Nachthemdensitzungen (Herrensitzungen) hatten einen Kultstatus. Sitzungsbesucher im Clubheim am Philippsring wurde aufgefordert, ihre Gläser und zwei – fünf Kohlebriketts für die Öfen mitzubringen damit die Kälte nicht zu sehr zusetzte.

Ab 1952 wurden die KCK-Veranstaltungen in der „Kasteler Schulturnhalle“ , auch Jubelschuppen genannt durchgeführt. Danach 1966 im „Kasteler Bürgerhaus“. Alle Sitzungen waren stets ausverkauft! Das Eröffnungsspiel war seit Atlanta-Zeiten absolute Tradition beim Club.

Die Texte stammten ausnahmslos aus der Feder von Rolf Braun, der auch dabei die tragende Figur war. Er warf seine Lachbomben im Saal die sich aus dem Zusammenspiel mit den „Scheierborzeler“ (Mitspieler) ergaben. Die Zuschauer bogen sich vor Lachen.

Das närrische Ritual war auch ein fester Bestandteil, ab 1965 bei der ZDF-Gemeinschaftssitzung „Mainz bleibt Mainz“. Mit einer Sehbeteiligung von 68% wurde das „Kokolores-Spektakel“ zur beliebtesten Unterhaltungssendung des ZDF.

Heimatforscher Klaus Lehne kann sich noch als Zeitzeige erinnern wie er als Kind, 1947, bei einer durchgeführten Club-Weihnachtsbescherung für Kasteler Kinder, deren Väter im Krieg gefallen oder als vermisst gemeldet waren, dankbar teilnehmen durfte.

Das närrische soziale Manifest steht seit der Gründung des KCK über alles „Lachen spenden, Trübsal wenden“. Ab 1948/49 fanden wieder Maskenbälle im Kaiserhof, zum Anker, alten Schulturnhalle und im Atlanta Clubheim statt. Männer und Frauen gingen getrennt maskiert zu den Bällen. Man versuchte seine Identität bis Mitternacht zu verbergen.

In Kastel wurde im September 1949 von Mitgliedern des Atlanta-Clubs „Die Muschel“ herausgegeben. Eine Heimatzeitung, die großen Anklang bei den wissensdurstigen Bürgern fand. Die unter Rolf Braun und Jocus-Garde Chef Fritz Sander 1955 geschmiedete „närrische Achse“ lief bereits nach einem Jahr „heiß“ und man blieb wieder im eigenen Fahrwasser.

Die in der amerikanischen Zone liegenden ehemaligen Mainzer Vororte Kastel, Kostheim, Amöneburg, Gustavsburg, Ginsheim hatten 1950 erstmals und einmalig ihre Karnevalisten nach Mainz geschickt. In einer umjubelten Gemeinschaftssitzung „der Goldenen 6“ war Chef des Protokolls der Atlanta-Präsident Rolf Braun.

Die Allgemeine Zeitung berichtete u.a. euphorisch: „Die Goldene 6“ kamen nicht als Gäste ins Schloß, sie zogen vielmehr in ein Schloß ein, das ihnen genauso gehört, wie jedem anderen Mainzer. Sie waren zu Hause“.

In bleibender Erinnerung ist die 1914 gegründete Karnevalsgesellschaft „Die Bettschoner“. 1980 war ihre Wiedergeburt mit ihrer begeisterten altherbrachten Tradition der „Wertschaftsfassenacht“ im Schnackel-Hauptquartier an der Boelckestraße. Mit viel Kokolores wurde die „Bettschonerei“ u.a. durch die „Claire“ mit ihrem Akkordeon lebendig gehalten.

In den 80er Jahren fand jeweils an Fassenacht-Samstag in der Rue (Mainzer Straße) das überschäumende bierselige „Kasteler Wirte-Rennen“ mit den herrlich kostümierten Wirte-Originalen statt. Die närrischen „Kasseler“ kamen in Scharen, um ihren Matadoren u. a. „Tausendsassa“ Manfred Balle „Dicke Fritz“ mit wallenden Bart der „Karl-Marx von Kastel“ alias Phlipp Schäfer“ bei ihrem närrischen Wettkampfspektakel mit viel Helau lautstark zu unterstützen.

Mit viel Vorfreude wurde die Kampagne 1991 erwartet. Ende Januar dann das plötzliche Aus wegen des Golfkrieges. Am Abend vorher war die umfangreiche und effektvolle Dekoration im Kasteler Bürgerhaus vom KCK fertiggestellt worden. 10.000 Ballons, welche die Decke zierten, platzten wie Seifenblasen. Die angefertigten KCK-Orden mit „1991“ wurden im folgenden Jahr mit einer zusätzlichen Prägung „1992“ wieder verwertet. Eine Rarität für Ordens- Sammler.

1993 wurde der Karneval Verein „Die Ratschenbande“ gegründet. Umsichtig geführt durch ihren Vorsitzenden Florian Hahn. Einzigartig sind ihre jährlich präsentierten bunten, hölzernen Umhäng-Ratschen-Orden mit wechselnden Motiven, die in mühevoller Handarbeit von der Aktiven Gabi Hahn gestaltet und hergestellt werden.

Die Kasteler Gesangsgruppe „Mainzelmännchen“ mit ihrem Leiter Wolfgang Schneider besteht seit 52 Jahren in der Region. Auch bei den traditionellen AKK-Umzügen am Fastnachts-Samstag werden die närrischen Besucher mit Stimmungsliedern am Kasteler Bürgerhaus von den famosen Sängern stets eingestimmt. 

Der seit 1979 beliebte Kindermaskenball im Kasteler Bürgerhaus der jeweils nach der Saalfastnacht Dienstags stattfindet ist bereits für viele Generationen ein fester närrischer Begriff geworden. Rainer Schuster war der Initiator.

Im Kasteler Fastnachts-Kabinett im Museum Castellum der Gesellschaft für Heimatgeschichte wird die Kasteler Brauchtumspflege vom Ursprung bis zur Gegenwart anschaulich dokumentiert. Heute sind die Kasteler Fastnachtsvereine zum Eckpfeiler der Mainzer Fastnacht geworden. Getreu dem KCK-Bekenntnis: „Rechts des Rheins ist auch noch Mainz“.

(Herbert Fostel) - Foto: Klaus Beuermann

 
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